Marienkäfer auf einem Pflanzenblatt im Garten
Gartenkalender

Nützlinge im Garten fördern – Heinrichs Ratgeber

· 5 Min. Lesezeit

Vor vierzig Jahren habe ich in meiner Gärtnerei zum ersten Mal bewusst gezählt, wie viele Blattläuse ein einziger Marienkäfer am Tag frisst. Es waren 200. An einem einzigen Tag. Seitdem habe ich nie wieder zur Spritze gegriffen, wenn ich einen Marienkäfer im Beet gesehen habe.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Ich sehe jedes Jahr Hobbygärtner, die bei dem ersten Blattlausbefall den Giftsprüher herausholen, ohne zu merken, dass sie damit gerade die einzige Kraft zerstören, die wirklich langfristig hilft. Wer Nützlinge fördert, braucht keine Chemie. Wer Chemie einsetzt, verliert seine Nützlinge. Das ist keine Philosophie, das ist schlichte Beobachtung aus Jahrzehnten.

Die wichtigsten Helfer im Gemüsegarten

Nicht jedes Tier, das Sie im Beet sehen, ist ein Schädling. Das klingt banal. Trotzdem werde ich Jahr für Jahr gefragt, ob man “das schwarze Käferchen” bekämpfen soll. Meistens ist es ein Laufkäfer, und der frisst Schnecken.

Marienkäfer. Das bekannteste Gesicht unter den Nützlingen. 200 Blattläuse am Tag, das habe ich selbst dokumentiert. Ihre Larven fressen sogar noch mehr. Eine einzige Marienkäferlarve vertilgt in ihrer Entwicklungszeit mehrere tausend Blattläuse. Die Larve ist grau-schwarz mit orangefarbenen Flecken, sieht aus wie ein kleines Krokodil. Viele töten sie, weil sie sie nicht kennen. Schade.

Florfliegen. Ein zartes, grünes Insekt mit goldenen Augen. Sieht aus wie etwas aus einem Feenmärchen. Die Larven aber sind brutale Räuber. Sie greifen Blattläuse an, saugen sie aus und werfen die Hülle weg. Eine Florfliegenlarve bewältigt 500 Blattläuse in ihrer Entwicklungszeit, manchmal mehr. Florfliegen überwintern gerne in trockenen, geschützten Hohlräumen. Wer ein Insektenhotel hat, findet sie dort im Herbst.

Schlupfwespen. Unsichtbar, lautlos, hochwirksam. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass sie im Garten sind. Diese winzigen Wespen legen ihre Eier in Raupen und Blattläuse. Die Larven entwickeln sich im Wirt und töten ihn dabei. Wenn Sie mumifizierte, braune, aufgeblähte Blattläuse an Ihrem Pflanzenstiel sehen: keine Panik. Das ist eine Schlupfwespe am Werk. Finger weg.

Laufkäfer. Nachtaktiv, deshalb selten beobachtet. Groß, schwarz, glänzend. Unter Brettern, Steinen und Mulch tagsüber zu finden. Nachts jagen sie Schnecken, Raupen und deren Eier. In Oberschwaben, wo die Schneckenproblematik nach feuchten Frühjahren erheblich sein kann, ist der Laufkäfer ein Verbündeter, den man nicht unterschätzen sollte. Schnecken bekämpfen ohne Granulat ist möglich, wenn Laufkäfer im Garten siedeln.

Igel. Mein persönlicher Liebling. Ein Igel vertilgt pro Nacht Schnecken, Engerlinge, Würmer und allerlei weiteres Getier, das im Beet nichts zu suchen hat. In meiner Gärtnerei habe ich über Jahre eine Igelburg aus Reisig und altem Holz an der Nordseite der Scheune betrieben. Die Igel kamen jedes Jahr zuverlässig zurück. Wer einen Igel im Garten hat, sollte ihn nicht verscheuchen und keinesfalls den Garten so aufräumen, dass kein Lebensraum mehr bleibt.

Meisen und Rotkehlchen. Eine Blaumeise holt im Sommer ihre Jungen mit Raupen groß. Pro Nest kommen täglich Hunderte Raupen zusammen. Meisen suchen besonders die Knospen von Obstbäumen ab, wo Schädlinge gerne überwintern. Das Rotkehlchen folgt der Hacke: Wo ich grabe, steht es daneben und wartet auf Würmer. Ich lasse es gewähren.

Nützlinge ansiedeln und halten

Nützlinge kommen nicht einfach auf Bestellung. Man muss ihnen etwas bieten: Nahrung, Unterschlupf, Wasser. Wer das macht, hat nach ein bis zwei Jahren spürbar weniger Probleme mit Schädlingen.

Blühstreifen zwischen Gemüsebeeten
Blühstreifen neben Gemüse locken Nützlinge an und halten Schädlinge in Schach.

Insektenhotel. Ja, die bunten Kästen gibt es inzwischen überall zu kaufen. Manche taugen etwas, viele nicht. Entscheidend ist die Füllung: Markhaltige Stängel von Holunder oder Brombeere, Bambusröhrchen mit glattem Innenrand, trockenes Schilfrohr. Die Röhrchen müssen trocken sein und dürfen keine Risse haben. Feuchtes Material schimmelt und tötet die Bewohner, statt ihnen zu helfen. Anbringen: sonnige, windgeschützte Lage, mindestens 1 Meter Höhe, Öffnung nach Südosten. Befestigen Sie das Hotel fest, kein Wackeln.

Wildblumen und heimische Stauden. Schlupfwespen und Florfliegen brauchen Nektar als Erwachsene, auch wenn ihre Larven Räuber sind. Schafgarbe, Wilde Möhre, Kornblume, Borretsch: das sind Pflanzen, die Nützlinge gezielt anlocken. Ich habe am Rand jedes Beetes bei uns einen Streifen mit diesen Blühpflanzen. Keine Züchtungen mit gefüllten Blüten, die nützen nichts. Heimische Arten mit offenen Blüten. Das ist der Unterschied.

Totholzhaufen und Hecken. Für Igel und Laufkäfer braucht es Verstecke. Ein Haufen alter Äste in der Gartenecke, ein paar dicke Bretterstücke auf dem Boden: das reicht. Hecken aus heimischen Sträuchern wie Weißdorn, Holunder oder Schlehe bieten Vögeln Brut- und Schlafplätze und damit Gründe, im Garten zu bleiben.

Wasser. Unterschätzt. Auch Insekten brauchen Wasser, besonders in trockenen Sommern. Eine flache Schale mit Kieseln oder Sand in der Mitte: die Kiesel ragen aus dem Wasser heraus, damit Bienen und Schwebfliegen trinken können, ohne zu ertrinken. Wasser täglich frisch, sonst brüten Mücken.

Prävention statt Notfallreaktion

Das ist das Wichtigste, was ich zum Thema Nützlinge sagen kann: Man fördert sie nicht, wenn man sie braucht. Man fördert sie, bevor man sie braucht.

Insektenhotel an der Gartenwand
Ein Insektenhotel fördert Wildbienen – die wichtigsten Bestäuber im Gemüsegarten.

Wer im Mai plötzlich Blattläuse hat und dann erst anfängt, sich für Marienkäfer zu interessieren, hat ein Problem. Marienkäfer brauchen Zeit. Sie müssen erst Futter finden, dann Eier legen, dann entwickeln sich die Larven. Das dauert Wochen. Wer schon im März, April Lebensraum und Nahrungsquellen anbietet, hat im Mai eine aktive Population.

Ein gesunder Garten braucht immer ein gewisses Maß an Schädlingen. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Wenn es keine Blattläuse gibt, verhungern die Marienkäfer. Ohne Beute gibt es keine Räuber. Ein vollständig schädlingsfreier Garten ist ein Garten ohne Nützlinge. Ich strebe kein Nullproblem an, ich strebe ein Gleichgewicht an. Das macht den Unterschied zwischen einem stabilen Garten und einem, der bei jedem Befallsschub aus dem Takt gerät.

Was Nützlingen schadet

Pestizide. Auch die sogenannten biologischen Mittel. Pyrethrum etwa, ein natürlicher Wirkstoff aus Chrysanthemen, tötet Schlupfwespen und Florfliegen genauso zuverlässig wie Blattläuse. Es diskriminiert nicht. Spinosad, häufig als “bio” vermarktet, ist hochtoxisch für Bienen. Wer Nützlinge fördern will, verzichtet auf Spritzmittel, auch die milden. Als letzten Ausweg, wenn nichts anderes hilft, verwende ich in meiner Gärtnerei Neem-Extrakt, und nur punktuell, nie flächig.

Überordentlichkeit. Das ist das größte Problem in vielen Hausgärten. Laub wird weggeräumt, Stängel werden abgeschnitten, alles sieht gepflegt aus, und die Nützlinge haben nirgendwo zu überwintern. Abgestorbene Stängel von Stauden lasse ich bis März stehen. Darunter überwintern Florfliegen, Laufkäfer und andere Nützlinge. Laub bleibt in den Beeten als Mulchschicht, wo der Igel nachts graben kann. Das sieht vielleicht nicht nach englischem Rasenpflege aus, aber es funktioniert.

Lichtfallen nachts. Gartenbeleuchtung und Lichtfallen töten Nachtfalter und andere Fluginsekten, die wichtige Räuber und Bestäuber sind. Wer Beleuchtung im Garten hat: warmweißes Licht statt kaltweiß oder ultraviolett. Und nur so lange brennen lassen, wie nötig.

Das Zusammenspiel verstehen

Es gibt eine alte Beobachtung, die ich schon meinen Lehrlingen erklärt habe: Ein Garten, der pestizidbelastet ist, entwickelt mit der Zeit resistentere Schädlinge und schwächere Populationen von Nützlingen. Der Gärtner muss dann immer öfter eingreifen, immer stärkere Mittel einsetzen. Ein Kreislauf, aus dem man schwer herauskommt.

Ein Garten, der auf Nützlinge setzt, entwickelt sich in die andere Richtung. Im ersten Jahr gibt es vielleicht noch Probleme. Im zweiten weniger. Ab dem dritten Jahr läuft er meist von selbst. Ich habe Gemüsebeete betrieben, in denen ich seit Jahren keinen einzigen Blattlausbefall mehr hatte, der Handeln erforderte. Die Marienkäfer, Schlupfwespen und Florfliegen haben das geregelt, bevor es eskalieren konnte.

Das ist keine Naturromantik. Das ist Effizienz.

Biene auf einer Blüte im Gemüsegarten
Bienen sind nicht nur Bestäuber, sie zeigen auch an, dass der Garten frei von schädlichen Mitteln ist.

Praktische Maßnahmen im Jahresverlauf

März/April: Insektenhotel kontrollieren, altes Material erneuern. Wildblumenstreifen am Beetrand säen. Totholzhaufen nicht antasten. Wasserstation aufstellen. Überwinterungsstätten der Nützlinge noch schonen.

Mai/Juni: Erste Blattläuse? Abwarten. Zwei bis drei Tage beobachten, ob Marienkäfer erscheinen. Wenn nicht: mit einem starken Wasserstrahl abspritzen, das reicht oft. Keine Spritzmittel. Blattläuse bekämpfen heißt nicht automatisch Chemie einsetzen.

Juli/August: Trockenheit erhöht Schädlingsdruck. Wasserstation auffüllen. Mulchschicht auf Beeten erhöhen, damit Laufkäfer Feuchtigkeit finden. Stauden nach der Blüte nicht sofort abschneiden, die Samen ernähren Vögel.

September/Oktober: Jetzt keine Hecken und Sträucher mehr schneiden. Igel suchen Winterlager. Staudenrückschnitt verschieben. Igelburg aus Laub und Reisig anlegen, wenn noch keine vorhanden. Wer Kompost anlegen möchte: jetzt ist eine gute Zeit, auch Komposthaufen bieten Lebensraum für Laufkäfer.

November/März: Ruhephase. Totholz nicht anrühren. Laubhaufen stehen lassen. Das Insektenhotel von außen beobachten, aber nicht öffnen. Das Frühjahr kommt, und mit ihm die Nützlinge.

Was ich jedem Gartenanfänger sage

Wer neu anfängt, überfordert sich oft mit Schädlingsbekämpfung. Jedes braune Blatt, jede Läuseansammlung wird zur Krise. Ich sage dann: Setzen Sie in der ersten Saison auf Nützlingsförderung, nicht auf Bekämpfung. Pflanzen Sie Wildblumen. Bauen oder kaufen Sie ein Insektenhotel. Lassen Sie Laub liegen. Halten Sie eine flache Wasserstelle bereit.

Wenn Sie das tun, sehen Sie im zweiten Jahr erste Ergebnisse. Mehr Marienkäfer. Mehr Laufkäfer unter Steinen. Vögel, die regelmäßig das Beet absuchen. Und Sie werden merken: Der Garten beginnt, sich selbst zu organisieren. Das dauert. Aber es lohnt sich erheblich mehr als jede Spritzkampagne.

Schädlinge natürlich bekämpfen bedeutet im Kern: zuerst die Natürlichkeit des Gartens wiederherstellen. Der Rest ergibt sich.

Ich gärtnere seit vierzig Jahren. In dieser Zeit habe ich viel ausprobiert, vieles wieder verworfen. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Die Jahre, in denen ich am wenigsten eingegriffen habe, waren die Jahre mit den gesündesten Beeten.

Quellen & Referenzen

Alle Angaben basieren auf wissenschaftlichen Quellen und langjähriger Praxiserfahrung unserer Experten.

  1. Wissenschaft Nützlinge im Garten – Artenschutz und Fördermaßnahmen, Julius Kühn-Institut (JKI) (2023)
  2. Behörde Biologischer Pflanzenschutz durch Nützlinge, Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) (2023)
  3. Behörde Insektenschutz im Kleingarten – Insektenhotels und Blühstreifen, Umweltbundesamt (UBA) (2023)
  4. Behörde Nützlinge fördern – Empfehlungen für Hausgärtner, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (2022)