Selbst gewonnene Samen trocknen auf Papier – Saatgut für die nächste Saison

Samen selber gewinnen – Saatgut für das nächste Jahr

Es war eine alte Tomatensorte, keine Ahnung, wie sie hieß, kein Etikett, kein Händlername. Meine Schwiegermutter hatte sie seit Jahren im Garten, kleine gelbe Dinger mit einem Geschmack, den ich bis heute nicht vergessen habe. Als sie den Garten aufgab, hab ich ein paar Samen mitgenommen. Auf einem Stück Küchenpapier getrocknet, in einem Briefumschlag aufgehoben, ein bisschen beschriftet.

Die wachsen bei uns jetzt schon im dritten Jahr. Und jedes Mal, wenn ich im August eine davon esse, denk ich an meinen ersten Sommer auf dem Land.

Das ist Saatgutgewinnung. Nicht nur Geldsparen, auch Bewahren.

Warum eigenes Saatgut?

Wer seinen Garten jedes Jahr neu aus dem Baumarkt bestückt, ist von Saatgutfirmen abhängig. Das muss nicht sein. Wer einmal die Technik der Saatgutgewinnung kennt, kann einen großen Teil des Saatguts selbst erzeugen, kostenlos, Jahr für Jahr.

Dazu kommt: Selbst gezogenes Saatgut passt sich über Generationen an die lokalen Bedingungen an. Eine Tomatensorte, die seit zehn Jahren im eigenen Garten vermehrt wird, kennt das hiesige Klima, den Boden, die lokalen Schädlinge. Sie ist robuster als Saatgut aus anonymer Massenproduktion.

Der entscheidende Unterschied: Samenfest vs. F1-Hybriden

Bevor du anfängst, ist die Sortenwahl entscheidend. Das ist der Punkt, den viele übersehen.

Samenfeste Sorten:

  • Geben ihre Eigenschaften zuverlässig an die Nachkommen weiter
  • Saatgut lässt sich problemlos selbst gewinnen
  • Oft historische oder traditionelle Sorten
  • Erkennbar an Beschreibungen wie “samenfest”, “offen bestäubt” oder dem Kürzel “OP”

F1-Hybriden:

  • Kreuzung aus zwei kontrollierten Elternlinien
  • Nachkommen sind genetisch ungleichmäßig, Saatgutgewinnung bringt unvorhersehbare Ergebnisse
  • Müssen jährlich neu gekauft werden
  • Erkennbar am Kürzel “F1” auf der Tüte

Für eigenes Saatgut brauchst du samenfeste Sorten. Die bekommst du bei spezialisierten Anbietern wie Dreschflegel, Bingenheimer Saatgut oder Kultursaat, nicht im Baumarkt-Regal.

Geöffneter Samentüte mit Tomatensamen auf Holz
Eigenes Saatgut in beschrifteten Papiertüten, bereit für die nächste Saison.

Grundprinzipien der Saatgutgewinnung

Die reifsten Früchte auswählen

Saatgut nur von den gesündesten, typischsten, besten Früchten gewinnen. Nie von kranken oder schwachen Pflanzen. Dieser Auswahlprozess verbessert die Sorte über Generationen im eigenen Garten, du züchtest, auch wenn du es nicht so nennst.

Vollständige Reife abwarten

Für Saatgutgewinnung müssen Früchte vollständig ausreifen, deutlich über den Punkt hinaus, an dem man sie essen würde. Eine Tomatenfrucht für Saatgut sollte richtig überreif sein, fast schon matschig.

Trocknen, trocknen, trocknen

Feuchtigkeit ist der Feind haltbarer Samen. Samen müssen vollständig trocken sein, bevor sie gelagert werden. Ich trockne immer etwas länger als ich denke, dass es nötig ist.

Die einfachsten Gemüse für Einsteiger

Bohnen und Erbsen: Die einfachste Variante

Hülsenfrüchte sind der ideale Einstieg, und bei uns macht das inzwischen auch mein Sohn mit, der acht ist.

  1. Die schönsten, gesündesten Hülsen einfach an der Pflanze vollständig austrocknen lassen
  2. Hülsen sollten braun und rascheltrocken sein
  3. Samen entnehmen und nochmal eine bis zwei Wochen auf Papier trocknen lassen
  4. In Papiertüte oder ein kleines Schraubglas geben und lagern

Keimfähigkeit: vier bis sechs Jahre. Verschiedene Bohnensorten müssen für sortenreines Saatgut mindestens fünf Meter voneinander entfernt angebaut werden.

Tomaten: Fermentationsmethode

Das klingt komplizierter als es ist. Tomatensamen sind von einer Gallerthülle umgeben, die die Keimung hemmt. Die muss weg, bevor die Samen gelagert werden:

  1. Vollständig reife Tomaten aufschneiden, Samen mit Fruchtfleisch in ein Glas geben
  2. Etwas Wasser hinzufügen, bei Zimmertemperatur zwei bis vier Tage stehen lassen
  3. Täglich umrühren, es bildet sich eine Schimmelschicht obendrauf, das ist normal
  4. Keimfähige Samen sinken auf den Boden, taubes Material schwimmt oben
  5. Obere Schicht abgießen, Samen mehrmals mit Wasser spülen
  6. Auf Küchenpapier ausbreiten und ein bis zwei Wochen trocknen lassen

Die Fermentation entfernt die Gallerthülle und tötet außerdem einige Krankheitserreger. Das Schimmelglas auf der Fensterbank sieht eklig aus, mein Mann hat schon zweimal gefragt, ob er es wegschmeißen soll. Nicht wegschmeißen.

Keimfähigkeit: drei bis fünf Jahre.

Zucchini und Kürbis: Aus riesigen Früchten

Zucchini- und Kürbissamen kommen aus vollständig ausgereiften Früchten, also aus den Riesen, die man übersehen hat. Kennst du das? Diese Zucchini, die plötzlich riesig ist, weil man drei Tage nicht hingeschaut hat? Die ist perfekt für Saatgut.

  1. Frucht aufschneiden, Samen entnehmen
  2. Samen von Fruchtfleisch befreien, am einfachsten im Sieb unter Wasser
  3. Auf Backpapier auslegen, zwei bis vier Wochen trocknen
  4. Nur vollständig trockene, harte Samen lagern

Wichtig: Zucchini, bestimmte Kürbisse, Gurken und Melonen können sich miteinander kreuzen, wenn sie zur gleichen Art gehören. Für sortenreines Saatgut nur eine Sorte pro Art anbauen oder Blüten von Hand bestäuben.

Paprika und Chili: Trocknen aus reifen Früchten

  1. Vollständig ausgereifte, rot oder endgültig gefärbte Früchte verwenden
  2. Aufschneiden, Samen mit dem Mittelstrang entnehmen
  3. Auf Backpapier zwei bis drei Wochen trocknen

Paprika und Chili kreuzen sich, wenn sie nah beieinander blühen. Im Hausgarten ist etwas Kreuzung akzeptabel, für den normalen Anbau macht das keinen großen Unterschied.

Salat: Das einfachste Saatgut

Salat bestäubt sich selbst und kreuzt kaum mit anderen Sorten. Einfacher geht es kaum:

  1. Eine Pflanze vollständig schießen lassen, blühen und Samen bilden
  2. Wenn die Köpfchen braun werden, Stängel abschneiden
  3. In einer Papiertüte aufbewahren und ausschütteln
  4. Samen sichten und trocknen

Keimfähigkeit: zwei bis drei Jahre.

Lagerung: So bleiben Samen keimfähig

Ideale Bedingungen: kühl (4, 8 °C), dunkel, trocken.

Meine Lösung: kleine Papiertüten, kein Plastik, das fördert Schimmel, beschriften mit Sorte und Jahr, dann in einer luftdichten Blechdose im Kühlschrank lagern. Ein Silica-Gel-Päckchen in die Dose legt man dazu, um Restfeuchtigkeit zu binden. Ich hab eine alte Keksdose dafür reserviert.

Keimfähigkeitsdauer verschiedener Gemüse:

GemüseHaltbarkeit
Bohnen, Erbsen4, 6 Jahre
Tomaten3, 5 Jahre
Möhren, Pastinaken2, 3 Jahre
Salat2, 3 Jahre
Zucchini, Kürbis4, 6 Jahre
Paprika2, 4 Jahre
Radieschen3, 4 Jahre

Keimtest vor der Aussaat: Wenn du unsicher bist, ob altes Saatgut noch keimt: zehn Samen auf feuchtes Küchenpapier legen, einrollen und eine Woche an einem warmen Platz lassen. Wenn mindestens sieben von zehn keimen, ist das Saatgut noch gut.

Saatguttausch: Gemeinschaft und Vielfalt

Wer selbst Saatgut gewinnt, hat bald mehr als genug. Die Lösung: tauschen.

Möglichkeiten:

  • Lokale Saatguttauschveranstaltungen, oft in Bibliotheken oder Gemeinschaftsgärten
  • Online-Saatguttauschbörsen, z.B. der Tauschmarkt der Arche Noah
  • Verein Zentraler Tauschring Saatgut

Ich hab über einen Tausch die gelbe Tomate meiner Schwiegermutter irgendwann auch an eine Nachbarin weitergegeben. Die baut sie jetzt auch an. So bleiben Sorten in Umlauf, die sonst verloren gehen würden.

Häufige Fragen zur Saatgutgewinnung

Kann ich Saatgut von Supermarkt-Gemüse gewinnen? Von Tomaten und Paprika aus dem Supermarkt funktioniert es manchmal, wenn es samenfeste Sorten sind. Das Problem: die meisten Supermarktprodukte stammen von F1-Hybriden. Besser: bekannte samenfeste Sorten kaufen und davon Saatgut gewinnen.

Was bedeutet “samenbürtige Krankheiten”? Manche Pflanzenkrankheiten werden direkt über das Saatgut übertragen, z.B. bestimmte Bakteriosen bei Tomaten. Saatgut deshalb nur von gesunden Pflanzen nehmen. Die Fermentationsmethode bei Tomaten hilft, einige dieser Krankheitserreger abzutöten.

Ich habe verschiedene Tomatensorten nebeneinander, kreuzen die sich? Tomaten sind fast vollständig selbstbestäubend und kreuzen in der Praxis kaum. Im Hausgarten ist Kreuzung sehr selten. Wer ganz sichergehen möchte, kann Blüten vor dem Aufgehen mit kleinen Säckchen abdecken, für den normalen Hobbygärtner ist das aber nicht notwendig.